Immunerkrankungen
Immunerkrankungen
(Revenstorf/Peter (Hrsgb.) , Hypnose in Psychotherapie, Psychosomatik und Medizin, Heidelberg 2009)
Theoretischer Hintergrund und empirische Befunde
Störungen des Immunsystems stellen zum einen eine eigene Gruppe von Erkrankungen dar und sind zugleich auch ursächlich an einer Vielzahl von anderen somatischen Störungen beteiligt. Deshalb sind psychotherapeutische Optionen der immunologischen Modifikation in der Psychosomatik von zentraler Bedeutung. Und gerade hypnotherapeutische Ansätze sind hierbei von hoher klinischer Relevanz, weil sie auf verschiedene Weise wichtigen Erkenntnissen der Psychoneuroimmunologie Rechnung tragen.
Aus in der Praxis gewonnenen Erfahrungen möchte ich eine funktionale Gliederung von Immunstörungen vorschlagen, welche zugleich eine systematische Darstellung hypnotherapeutischer Interventionen erlaubt. Demzufolge lassen sich Immunerkrankungen in vier Gruppen einteilen (nach Melnechuk 1980 in Borysenko 1987) (s. Abb. 1). Eigentlich kann man sich das IS wie ein Orchester vorstellen: die Schönheit der Musik entsteht im Konzert durch das harmonische Zusammenspiel der verschiedenen Instrumente. So arbeitet auch das IS: die gelungene Funktion entsteht durch ein komplexes Zusammenspiel der verschiedenen Immunzellen, welche durch Zytokine und andere Faktoren miteinander kommunizieren. Die meisten pharmakologischen Strategien zur Immunmodulation mit Zytokinen gleichen daher dem einfachen Lauterwerden eines Instrumentes: dies führt nicht notwendigerweise zu höherem Hörgenuss.
Deshalb sind die Resultate gängiger Behandlungen mit Interferonen oder Interleukinen zur Therapie von Autoimmunerkrankungen (z.B. Multiple Sklerose), Infektionen (Hepatitis B und C, HIV) oder hämato-onkologischen Störungen meist mäßig, ausgenommen die Haarzellleukämie, welche mit Interleukin-2 gut behandelbar war, bis ein nebenwirkungsärmeres chemotherapeutisches Behandlungskonzept eingeführt wurde. Daneben lassen sich zum Teil (subtypabhängig) gute Behandlungserfolge mit alpha-Interferon plus Ribavarin bei chronischer Hepatitis C erzielen, während die chronische Hepatitis B auf ein vergleichbares Vorgehen (IFN + Virostatikum) nur mäßig anspricht. Auch anderen, nicht zytokinbasierten immunmodulatorischen Pharmaka (Kortison, Azathioprin u.a.) sind eine Vielzahl unangenehmer Nebenwirkungen zu Eigen. Klar ist: Pharmakotherapien sind gerade bei akuten Immunerkrankungen bzw. akuten Schüben derselben unverzichtbar. Und zugleich kann die Möglichkeit der hypnotherapeutischen Beeinflussung von Krankheitsverläufen ein attraktiver, die da nicht nur die Lebensqualität steigernder Ansatz sein. Doch wie ist diese hypnotische Immunmodulation überhaupt möglich?
Lange Zeit galt das Immunsystem (IS) als autonom regulierter Organkomplex. Und das, obwohl Louis Pasteur schon 1878 einen Zusammenhang von Stress und verminderter Immunleistung nachweisen konnte, indem er mit Milzbrand infizierte Hühner durch Untertauchen in eiskaltem Wasser stresste und einen schwereren Verlauf der Infektion im Vergleich zur Kontrollgruppe beobachten konnte (Buske-Kirschbaum 1990). In den späten 20er Jahren des letzten Jahrhunderts begannen russische Forscher erstmals, Experimente zur Konditionierung des Immunsystems durchzuführen (Metal`nikov 1926). Obwohl diese frühen Studien zur Konditionierbarkeit des IS mit methodischen Mängeln wie fehlender Kontrolle, sehr kleinen Untersuchungsgruppen oder mangelhafter statistischer Auswertung behaftet waren, müssen sie doch als die ersten systematischen Versuche zur Beeinflussung der Immunreaktivität durch Lernprozesse betrachtet werden. Ohne Kenntnis dieser frühen Experimente berichtet die Arbeitsgruppe um Robert Ader von einer zufälligen Entdeckung im Rahmen einer Untersuchung zur Konditionierung einer Geschmacksaversion (Ader 1981). Da diese Experimente zur Konditionierbarkeit des IS hervorragend zum Schaffen einer behandlungsförderlichen Einstellung beim Patienten dienen, seien sie etwas ausführlicher dargestellt.
In diesem Lernprotokoll ist eine einmalige Paarung einer aversiven, häufig zu Übelkeit führenden Substanz (UCS) mit einer neutralen Flüssigkeit (CS) ausreichend, um eine heftige Aversion gegen das sonst bevorzugte Getränk hervorzurufen. Ratten wurde eine Kombination der noxischen Substanz Cyclophosphamid (UCS) mit einer neutralen Saccharinlösung (CS) verabreicht, wobei die Saccharinkonzentration unterschiedlicher Experimentalgruppen variierte. Bei späteren Reexpositionen des CS zeigt sich wie erwartet eine konditionierte Geschmacksaversion gegen die Saccharinlösung, die sich in einer signifikant reduzierten Flüssigkeitsaufnahme manifestierte. Ein unerwarteter Effekt war jedoch, dass eine überzufällig hohe Anzahl an Experimentaltieren starb, wobei die Mortalitätsrate mit der zuvor erhaltenen Saccharinkonzentration korrelierte. Eine Hypothese zur Aufklärung des beobachteten Phänomens war, dass eine konditionierte Suppression der körpereigenen Abwehr aufgrund einer Assoziation des ebenfalls immunsuppressiven Cyclophosphamid mit der Saccharinlösung erfolgt war. Bei den späteren Darbietungen des konditionierten Stimulus ist es in diesem Falle zur Unterdrückung der Immunreaktivität bei den Experimentaltieren und somit zu einer erhöhten Anfälligkeit für pathogene Erreger gekommen (Ader 1974).
In einer Folgestudie zur Überprüfung oben genannter Vermutung konnte die Arbeitsgruppe zeigen, dass nach einmaliger Koppelung einer neutralen Saccharinlösung (CS) mit der immunsuppressiven Substanz Cyclophosphamid (UCS) eine spätere Darbietung des konditionierten Stimulus allein zu einer Suppression des Antikörpertiters auf zuvor applizierte Schafserythrozyten (SRBC) führt. Bei Placebotieren sowie unkonditionierten Tieren fand sich kein vergleichbarer Effekt. Sie zeigen einen erhöhten Antikörperspiegel als Folge der antigenen Stimulation durch SRBC (Ader 1975). Diese Ergebnisse stützen die frühere Hypothese der Arbeitsgruppe und sprechen für eine Modifizierbarkeit immunologischer Prozesse durch Lernen, wodurch ein neues Verständnis von Immunprozessen erforderlich wird. Doch wie ist diese Interaktion zwischen Nervensystem und Immunsystem möglich?
Das Immunsystem (IS) steht in engstem funktionalem Zusammenhang mit dem Nervensystem (NS) und dem endokrinen System (ES). Es würde den Rahmen dieses Textes sprengen, wollte man die komplexen Zusammenhänge dieser Interaktionen hier ausführlich darstellen. Deshalb seien hier nur die Grundlagen skizziert; weitergehende Informationen finden Sie in Lehrbüchern der Psychoneuroimmunologie (z.B. Schedlowski 1996). Zusammenfassend lassen sich folgende Kommunikationswege beschreiben (s. Abb. 2).
Im Folgenden sollen beispielhafte Kommunikationswege und -phänomene dieser Organsysteme benannt werden. Diese Darstellung hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll vielmehr eine Idee von dem komplexen Zusammenspiel geben. Auf eine Präsentation der Achse NS - ES bzw. ES - NS wird hier verzichtet. Als efferente Beziehung zwischen NS und IS (a) sind folgende zu nennen:
Sämtliche Nodi lymphatici werden von Fasern des Sympathicus durchzogen, ebenso das Knochenmark und die Milz (Weihe 1991), während das Parenchym des Thymus über den N. vagus parasympathisch und von sympathischen Fasern des Ganglion stellatum innerviert wird (Felten et al. 1987). Daneben weisen sämtliche peripheren immunkompetenten Zellen Rezeptoren für alle bekannten Neurotransmitter und - peptide auf (Madden et al. 1989). Immunkompetente Zellen sind auch selbst in der Lage, Neuropeptide zu exprimieren; dies scheint vor allem der parakrinen und autokrinen Signalvermittlung innerhalb des IS zu dienen (Weihe 1994).
Läsionen im Gehirn führen zu veränderten Immunreaktionen: Läsionen im vorderen Hypothalamus verhindern die Entwicklung anaphylaktischer Reaktionen bei sensibilisierten Versuchstieren (Stein 1976), während Verletzungen hypothalamischer Nuclei einen hemmenden Effekt auf die Aktivität der Natürlichen Killerzellen ausüben (Forni 1983).
Als afferente Beziehungen zwischen IS und NS (b) sind folgende zu nennen: Zytokine lösen neuronale Aktivität aus. Dafny (1985) konnte aufzeigen, dass Injektionen von alpha-Interferon bei Ratten zu Erregungen im Cortex, Hippocampus und im Hypothalamus führen. Interleukin-1 triggert ein Verhaltenscluster, welcher in der Forschung als "sickness behaviour" bezeichnet wird (Dantzer 1996). Dieser zytokininduzierte Verhaltenskomplex zeichnet sich durch sozialen Rückzug und Schläfrigkeit aus; der evolutionäre Hintergrund ist offensichtlich: Tiere mit Infektionskrankheiten ziehen sich damit aus dem Rudel zurück und auf die Weise wird die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung der Artgenossen reduziert. Beim Menschen lässt sich eine ausgeprägte depressionsinduzierende Wirkung von alpha-Interferon beobachten (Schäfer 2003). Da alpha-Interferon vor allem bei Infektionen vom IS ausgeschüttet wird, wäre die Frage spannend, ob Depressionen bei Personen mit chronischen Infektionen (z.B. HIV) durch einen entsprechenden Copingstil oder auch zytokinvermittelt auftreten können.
Zur Kommunikation zwischen ES und IS (c) ist folgendes zu sagen: Diese Achse ist für unsere Fragestellung von großer Bedeutung, zugleich ist der durch Hormone vermittelte Zusammenhang von Stress und verminderter Immunfunktion inzwischen Allgemeinwissen. Die Freisetzung von Hormonen wie den Katecholaminen, Glukokortikoiden sowie Prolaktin in Stresssituationen vermittelt jene Prozesse, welche dem Einfluss emotionaler Belastung auf immunologische Veränderungen zugrunde liegen (Schulz und Schulz 1990). Hierbei zeigen die Glukokortikoide eine besondere immunsuppressive Wirkung; dieses Nebennierenhormon wird vor allem bei chronischem Stress sezerniert. Deshalb lässt sich zusammenfassend sagen, dass akute psychische Belastungen sich eher im Sinne einer Steigerung von Einzelfunktionen, z.B. Anstieg der NK-Aktivität, auswirken, während chronische Belastungen mit verminderten Werten in den untersuchten immunologischen Parametern einhergehen (ibidem). Bemerkenswerterweise lassen sich durch Hypnose hämodynamische Veränderungen messen (Bongartz 1993). Im Vergleich einer Entspannungsszene mit einer Stressbedingung und einer neutralen Bedingung konnten unterschiedliche Veränderungen der Leukozytenzahl im Blut beobachtet werden. Deshalb bringt Simonton innere Bilder in der Tumorbehandlung zum Einsatz, die aggressiven Inhalts sind, während ein hypnotherapeutisches Vorgehen mit sehr unterschiedlichen Bildern arbeitet, da die Heilvisualisierungen vom Patienten selbst generiert werden.
Zur Interaktion zwischen IS und ES (d) ist zu bemerken: Immunzellen können selbst Hormone produzieren. So zeigen Blalock und Mitarbeiter (Smith 1985), dass Lymphozyten hypophysektomierter virusinfizierter Mäuse in der Lage sind, ACTH und Endorphine zu produzieren, die mit den hypophysären Hormonen identisch sind.
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